Musik mit Erwachsenen, alten oder pflegebedürftigen Menschen

Altwerden erlaubt und gern gesehen!

VdM-Fachtagung „Musik – ein Leben lang“

„Das sind doch auch nur Hände!“ machte sich eine jüngere Musikschülerin bewusst, die zunächst bei der Begrüßung einer älteren Dame Berührungsängste hatte. Von diesem Ereignis berichtete eine Teilnehmerin der diesjährigen Fachtagung „Musik – ein Leben lang“ und zeigt damit deutlich, wie wichtig  es ist, Vorurteile abzubauen und neue Perspektiven einzunehmen. Im Fokus der Kooperationsveranstaltung des Verbandes deutscher Musikschulen und kubia, dem Kompetenzzentrum für Kultur und Bildung im Alter, die am 5. Juni 2014 im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund stattfand, standen diesmal das Überwinden von Barrieren und die Etablierung einer Willkommenskultur für jedermann, insbesondere auch für ältere Menschen.

 

55 Teilnehmer und Referenten gingen der Frage nach, wie das Bildungsangebot öffentlicher Musikschulen für die  äußerst heterogene Zielgruppe „Erwachsene“ realisiert und optimiert werden kann. Auch die Herausforderungen von Erwachsenenunterricht und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen der VdM-Musikschulen wurden durchdacht. Bestandteil war ebenso die Beratung und Information zu Finanzierungsmodellen des Erwachsenenunterrichts und zu Kooperationsprojekten.

 

Prof. Wolfhagen Sobirey (VdM) erklärte dazu in seinem Eröffnungsvortrag: „Bei zunehmendem Lebensalter geht es mehr und mehr um ‚Komm- und Bring-Strukturen, denn im vierten Lebensabschnitt nimmt die Mobilität merklich ab. Der Musikunterricht muss sich zu den Schülern bewegen Musikpädagogen sollten beispielsweise direkt in den Pflegeeinrichtungen unterrichten.“ Die Flexibilität des Unterrichtangebots gewinnt immer mehr an Bedeutung. Es existieren heute bereits „Flexicards“, „E-Bons“ und Fünfer- oder Zehnerkarten für Instrumentalunterricht. Diese können dann für flexibel verabredete Musikschulstunden eingelöst werden. Musikunterricht für Erwachsene muss nicht an einen bestimmten Lehrer oder ein bestimmtes Fach geknüpft sein.

 

 

 

 
Hans Hermann Wickel. Foto: Britta Schütz/VdM

Prof. Dr. Hans Hermann Wickel, Leiter der Berufsbegleitenden zertifizierten Qualifizierung "Musikgeragogik/Musik mit alten Menschen" an der Fachhochschule Münster,  sprach in diesem Zusammenhang von einer neuen Ermöglichungsdidaktik und Willkommenskultur für Menschen im 3. und 4. Lebensabschnitt, also für die über 50-Jährigen.

 

Auch durch die jüngst vom VdM veröffentlichte Potsdamer Erklärung „Musikschule im Wandel. Inklusion als Chance“ sind die neuen Anforderungen der öffentlichen Musikschulen deutlicher denn je geworden. Danach muss ein Perspektivwechsel für die musikalische Partizipation und kulturelle Bildung aller, auch der Zielgruppen der „Erwachsenen“ oder „Senioren“ stattfinden.
 

So heißt es in der genannten Erklärung: „Für die öffentlichen Musikschulen bedeutet dies konkret den Einstieg in einen inklusiven Prozess, der eine Teilhabe aller Menschen durch diskriminierungsfreie Angebote und angemessene Vorkehrungen ermöglicht, die weitgehende Selbstbestimmung jedes Einzelnen als Ziel anstrebt, eine äußere (z.B. bauliche, strukturelle, organisatorische) und innere (z.B. pädagogische, kulturelle) Barrierefreiheit gewährleistet, die Individualität Aller achtet und Vielfalt und Heterogenität als Chancen erkennt und nutzt.“

 

In Teilen hat dieser Perspektivwechsel bereits an den öffentlichen Musikschulen stattgefunden. Die von Sobirey in Dortmund präsentierte Auswertung der diesjährigen VdM-Blitzumfrage zum Thema „Musik mit Menschen im 3. und 4. Lebensabschnitt“ zeigt deutlich, dass die befragten Musikschulen den demographischen Wandel aktiv mitgestalten möchten. 405 der 952 VdM-Musikschulen beteiligten sich an der Umfrage, davon bietet 45 Prozent der Rückläufe älteren Menschen Musikunterricht an. 40 Prozent  der Rückläufe beweisen ihre Experimentierfreude, mit ausdifferenzierten und innovativen Angeboten aus dem nicht klassischen Instrumental- oder  Vokalunterricht. Besonders beliebt sind Gruppenangebote und generationsübergreifende Projekte.
 

Was sowohl durch die Blitzumfrage als auch durch die Tagung deutlich wird und was der Kabarettist Dieter Hildebrandt vielleicht noch nicht ahnte, als er einmal bedauerte: „Im Prinzip ist das Altwerden bei uns erlaubt, aber es wird nicht gern gesehen“: Es tut sich etwas in den Kultur- und Bildungseinrichtungen, in den Musikschulen, ja in den Köpfen.

 

Michael Kobold (VdM) informierte in seinem Beitrag über die Konzepte der Erwachsenenakademie der Rheinischen Musikschule in Köln. Dort wurden bereits Methoden des E-Learnings als fester Bestandteil in die Erwachsenendidaktik installiert. Außerdem wurde der „After-Work-Chor“ gegründet, der mit seinen 100 Teilnehmern für das starke Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Singen in Köln spricht.

 

Die Referentin Anneli Froese (Musikschule Rendsburg) schilderte eindrucksvoll, wie sie als Unterrichtskern besondere Inhalte in eine Geschichte einbettet und so elementare Bildungsprozesse einleitet. So gelingt es ihr zum Beispiel mit Hilfe von John Cages Werk 4’33’’ und Robert Rauschenbergs White Paintings in einer Gruppenstunde bestehende Konventionen in Frage zu stellen. „Es verlangt Mut“, so Froese, „auch Unperfektes wertzuschätzen und stets Entwicklungschancen zu erkennen“. Hierzu forderte sie in Ihrem Vortrag herzlich auf.

 

Wickel führte abschließend verschiedene Orientierungsmöglichkeiten zur Realisierung einer Barrierefreiheit an. Neben bekannten Parametern wie Lebensweltorientierung und Biografie-Arbeit, fügte er weitere interessante Aspekte der Kultursensibilität, Gendersensibilität und Intergenerativität an. Spezielle Fortbildungen für die Lehrkräfte seien außerdem für deren Musikschulalltag hilfreich und entlastend.

 

Das Fazit der Tagung war eindeutig und lässt sich mit den Worten des Mediziners Dietrich Grönemeyer in einem Satz zusammenfassen: „Turne bis zur Urne!“ Die Ziele der Gesundheits- und Kulturpolitik sind Bewegung, Fitness, Bildung und Soziale Teilhabe bis ins hohe Alter.  Musik gilt dabei als emotional wirksamstes Element - auch für die Gesundheitsprävention - und das „ein Leben lang“.

 

Unterstützend werden hier die öffentlichen Musikschulen zum Einsatz kommen: gemeinschaftsstiftend und Hand in Hand mit (älteren) Erwachsenen. Denn so beruhigend die Aussage „es sind doch auch nur Hände“ auch sein mag, es sind eben doch nicht nur Hände. Es sind Hände voller Erinnerung, Lebenserfahrung, Autonomie und Würde. Dem muss bei musikpädagogischem Engagement immer Rechnung getragen werden.

 

Britta Schütz

 

veröffentlicht in: nmz (neue musikzeitung) 7-8/2014

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