06.03.2014 | Musikschule Marburg e.V.

Requiem stimmt tröstlich

Schwebende Klänge kleiden Mönchsgesang in impressionistische Klangfarben

Gemeinsam mit dem Marburger Kammerorchester führt der Chor der Musikschule Marburg das Requiem von Maurice Duruflé (* 1902  † 1986) in der Elisabethkirche Marburg auf. Das Konzert beginnt am Freitag, 7. März 2014 um 20 Uhr.

 

Das neunsätzige Werk des französischen Komponisten aus dem Jahr 1947 erhält seine musikalische Spannkraft durch den Rückgriff auf gregorianische Melodik, die dieser mit der Tonsprache des französischen Impressionismus verbindet. Seine Musik klingt zuversichtlich und hoffnungsvoll.

 

 

Foto: Thomas Schneider (www.h16-mediengestaltung.de),

aufgenommen am 6. September 2013 bei einer Chorprobe im

Forum der Steinmühle

Der mittelalterliche Gesang, der dem Ritus der katholischen Totenmesse folgt, ist im Original nicht instrumentiert.  Er wird hier vom Komponisten durchgehend mit Orchesterbegleitung versehen. So schließt Duruflé die alten, weitgehend unveränderten Melodien als tragendes Element in sein kompositorisches Konzept mit ein. Sie wirken nicht archaisch, sondern führen zu einer Objektivierung. Im Gegensatz zu Mozart, Brahms oder Verdi, nimmt Duruflé dadurch eine allzu persönliche Sensibilität zurück. Er schreibt dazu: "Das ... Requiem basiert gänzlich auf Themen der gregorianischen Totenmesse. Manchmal habe ich den exakten Notentext übernommen, wobei die Orchesterpartie nur unterstützt oder kommentiert, an anderen Stellen diente er mir lediglich als Anregung... Im Allgemeinen war ich bestrebt, meine Komposition ganz und gar von dem besonderen Stil der gregorianischen Themen durchdringen zu lassen."

 

Duruflé verzichtet auf die Vertonung der Textpassagen, die auf einen zornigen Weltenrichter am Jüngsten Tag verweisen. Wie Gabriel Fauré vor ihm, vertont er „libera me“ und „In Paradisum“, der Bitte um Errettung der Seele und dem Wunsch, die Verstorbenen ins Paradies aufzunehmen.  Die Totenmesse verliert so ihre bedrohliche Schärfe. Der klare Fluss der Stimmen wirkt stets transparent und wie von Licht durchflutet. Durch die ins fast Unhörbare hinübergleitenden Teile erhält das Werk seinen eindringlich kontemplativen Charakter. „Wer sich auf die Glaubenswelt des Mittelalters einlässt, entdeckt einen wahren Kosmos an Bildern und Vorstellungen“, sagt Chorleiter Daniel Sans. „Zu diesem tieferen Verständnis unserer kulturellen Wurzeln hat uns Duruflé mit seiner Musik eine wunderbare Brücke gebaut.“

 

Das Requiem ist in der Fassung für Chor, Bariton, Mezzosopran, Orgel, Streicher, Harfe, Trompeten und Schlagwerk zu hören. Begleitet werden die Sängerinnen und Sänger des Musikschulchors vom Marburger Kammerorchester sowie weiteren Solistinnen und Solisten. Chorleiter Daniel Sans besitzt langjährige Erfahrung als Tenor auf internationalen Bühnen. Neben dem Sologesang ist das Dirigieren seine zweite Leidenschaft.

 

Karten für das Konzert gibt es für 10 Euro, ermäßigt für 8 Euro bei der Marburg Tourismus und Marketing GmbH, Pilgrimstein 26, 35037 Marburg, Tel. 06421 - 99 120

 

Information zu dem in Deutschland wenig bekannten Werk gibt es im Internet bei wikipedia, auf YouTube kann man sich einen ersten Höreindruck verschaffen.

Außerdem gibt es weitere instruktive Texte auf den Seiten von Ingo Schulz (www.musik-art.de).

Dort findet man den kompletten lateinischen Messtext mit deutscher Übersetzung.

 

Weitere Information:

www.musikschule-marburg.de


 

Interview mit Chorleiter Daniel Sans

 

 

Foto: Thomas Schneider (www.h16-mediengestaltung.de),

aufgenommen am 6. September 2013 bei einer Chorprobe

im Forum der Steinmühle

Herr Sans, Sie leiten Seit 2011 den Chor der Musikschule Marburg. Derzeit proben Sie mit ihm Maurice Duruflés Requiem. Die Aufführung findet am Freitag, 7. März um 20 Uhr in der Elisabethkirche statt. Wie kamen Sie  auf die Idee, eine „Totenmesse“ aufzuführen?
Daniel Sans: Ursprünglich war es die Idee vom Vorstand des Orchesters Josquin des Prés aus Poitiers. Bei einer unserer Begegnungen schlug er mir vor, gemeinsam mit meinen Chören aus Bad Homburg und Marburg das Werk eines französischen Komponisten aufzuführen. Es sollte ein geistliches Werk sein. Die Aufführung war ursprünglich für den November vorgesehen und im Kirchenjahr ist das ja die Zeit des Totengedenkens. So hätte es schnell nahe gelegen, Gabriel Faurés bekanntes Requiem zu nehmen. Wir haben uns dann aber für das unbekanntere jedoch ebenso bedeutende Stück von Duruflé entschieden.

                            

Wie reagierten die Leute, ist ein Requiem nicht „zu ernst“ für uns heutige Lebensoptimierer?
Daniel Sans: Tja, da gab es bei einigen Sängerinnen und Sängern schon einige Vorbehalte: Zu traurig, depressives Zeug und so. Andere waren dem Thema gegenüber sofort aufgeschlossen. – Es sind ja mindestens zwei Gründe, die den Zugang zu diesem Werk erschweren: Da ist zum einen die Musik. Duruflé verwendet die original mittelalterlichen Melodien. Diese passen nicht so recht in unser heutiges  Tonempfinden, das von Dur- und Molltonleiter geprägt ist. Außerdem scheut seine moderne Orchestrierung nicht vor dissonanten Klängen zurück. Die andere, vielleicht noch größere Hürde ist der Messtext. In ihm tritt uns eine Vorstellungswelt entgegen, wie sie uns Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ umfassend hinterlassen hat: Da gibt es die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies, und es geht um die Seele des sündigen Menschen, um deren Aufnahme in die Reihen der himmlischen Heerscharen gebeten wird, nachdem das irdische Dasein geendet und sie den Leib verlassen hat. Alles eine Zumutung und harter Toback für uns aufgeklärte Internetnutzer und Vielflieger. Trotzdem konnten wir uns alle auf die fremde Glaubens- und Tonwelt einlassen und haben so viel über die Wurzeln unserer abendländischen Kultur erfahren.

 

Wenn Menschen den Begriff „Requiem“ hören, denken sie zu allererst an Mozart. Wie unterscheidet sich dessen Meisterwerk von Duruflés Komposition, mal ganz von den 150 Jahren abgesehen, die zwischen ihrer Entstehung liegen?

Daniel Sans: Man kann sagen, dass es sich bei Mozarts Musik um ein ganz persönliches Statement also quasi um eine Art Testament handelt. Duruflé hingegen nutzt die alten gregorianischen Choräle. Er hebt dadurch seine musikalische Aussage aus der Sphäre persönlicher Verstrickung heraus und führt sie auf die Ebene des objektiv Zeitlosen. So kann sich seine Musik vom Schicksal der Verstorbenen weg auf die Hinterbliebenen richten. Sie ist in ihrer Wirkung weder düster noch beschwerend und das selbst in ihren dramatischen Momenten. Im Gegenteil: Mit ihrer feinen Orchestrierung und klaren Stimmführung wirkt sie wie von Licht durchflutet. Die hoffnungsvolle und tröstliche Wirkung wird dadurch noch unterstützt, dass er die Stimmen in hohe Tonlagen führt, was dem Chor natürlich einiges abverlangt. Außerdem verzichtet Duruflé bei der Vertonung des Messtextes auf die Passagen, die sich mit dem „strafenden Weltengericht“ befassen. Wie Gabriel Fauré vor ihm, nimmt er aus den Texten des Beerdigungsgottesdienstes „libera me“ und „In Paradisum“, die Bitte um Errettung der Seele und den Wunsch, die Verstorbenen ins Paradies aufzunehmen. 

 

Welche Anforderungen stellt das Stück an den Chor. Ist das Stück von Laien gut zu bewältigen?

Daniel Sans: Natürlich ist es eine Herausforderung für jeden Chor, ein Werk aufzuführen, dessen Ton-, Text- und Bildsprache nicht gerade alltäglich sind: Moderne klassische Musik des 20. Jahrhunderts ist für viele nach wie vor sehr gewöhnungsbedürftig, Latein war mal Weltsprache – aber das ist schon eine Weile her – und mit dem Fegefeuer tun wir uns auch etwas schwer. Trotzdem haben wir gemeinsam alle diese Schwierigkeiten angepackt und überwunden. Die Erfahrung, neben Folklore und Gospel eine Totenmesse, die auf Texten der katholischen Liturgie beruht, in Angriff zu nehmen, hat uns alle sehr bereichert.

 

Ursprünglich war die Idee, mit dem Orchester Josquin des Prés aus unserer Partnerstadt Poitiers zusammen das Stück aufzuführen. Das ließ sich leider nicht realisieren. Kurzfristig war kein Orchester zur Verfügung. Wie wurde das Problem gelöst?

Daniel Sans: Nachdem auch der zweite Termin mit Poitiers geplatzt war, stand die Aufführung auf der Kippe. Das Marburger Kammerorchester und viele weitere Musikerinnen und Musiker, haben sich kurzfristig bereit erklärt, in die Bresche zu springen. Ich möchte daher an dieser Stelle allen ganz herzlich dafür danken, die zum Gelingen unseres Konzerts ihren engagierten Beitrag leisten.

 

Das Gespräch mit Chorleiter Daniel Sans führte Eugen Anderer.

 

 


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