24.01.2020 | Deutsche Streicherphilharmonie

"Ihr Weg führt durch alle sechzehn Länder" | F.A.Z.-Artikel vom 09.01.2020

Marek Janowski bereitet die Deutsche Streicherphilharmonie auf eine ganzjährige Tournee vor

– F.A.Z., 09.01.2020, Feuilleton (Feuilleton), Seite 13 - Ausgabe D1, D2, D3, D3N, R0, R1 - Clemens Haustein – 

"War es zu hart?" Der Fragesteller klingt besorgt, scheint aber nicht frei vom Gefühl der Zufriedenheit. Knapp zwei Stunden lang hat Marek Janowski gerade die Deutsche Streicherphilharmonie, das zweite große Schülerorchester Deutschlands neben dem Bundesjugendorchester, in die Mangel genommen, unter anderem in Antonín Dvoráks Streicherserenade op. 22. Die Probe war hart. Janowskis Ansprache wirkt im jovialen Klang seines rheinländischen Zungenschlags zwar verbindlich, ist aber doch stramm: "Hirnloses Autopilotengespiele! Ist ja furchtbar!", schallt es da durch den Probenraum oder auch: "Nicht einschlafen!" oder lobend: "Nicht schlecht!", oder in komprimierter Weisheit: "Musik, auch langsame, ist immer Richtung! Niemals auf einem Ton sitzen!"

Die Dozenten der einzelnen Stimmgruppen, allesamt Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB), das Janowski während fünfzehn Jahren als Chefdirigent zum Spitzenensemble geformt hat, wechseln leicht amüsierte Seitenblicke, wie es Eingeweihte tun. Die jüngsten Mitglieder der Streicherphilharmonie, des Nachfolge-Ensembles des 1973 in der DDR gegründeten "Rundfunk-Musikschulorchesters", sind gerade einmal elf Jahre alt.

Die Musikerinnen und Musiker allerdings brechen nicht ein, sie scheinen unter dem Druck des Dirigenten zusammengeschweißt zu werden, zur Konzentration gezwungen. Der typische Janowski-Sound stellt sich ein - selbst hier beim Nachwuchs, fein und klar. Am Ende der Probe gibt der Dirigent ihnen selbst die Erklärung für seinen fordernden Arbeitsstil: Man habe es hier mit den größten Meistern unter den Komponisten zu tun, das erfordere Ernst und Demut. Janowskis Strenge hat noch einen zweiten Grund: Er will keine Illusionen wecken. Die Konkurrenz um einen Platz im Orchester wird durch die mittlerweile internationale Aufmerksamkeit auf freie Stellen immer größer, die Zahl der Ensembles droht aber nicht nur in Deutschland kleiner zu werden. Und der Leistungsdruck für den, der das Probespiel gewonnen hat, wird ebenfalls nicht geringer werden. "Die Luft ist verdammt dünn geworden", fasst Janowski das vor den Musikerinnen und Musikern in väterlichem Realismus zusammen. Besser, wenn sie hier in dieser Probe schon einmal dünne Luft zu atmen bekommen.

Marek Janowski, mittlerweile Chef der Dresdner Philharmonie, ist künstlerischer Berater der Deutschen Streicherphilharmonie seit seiner Zeit als Chef des RSB, das wiederum eine Patenschaft für das Nachwuchsorchester innehat. Janowski wird in diesem Jahr den Schlusspunkt setzen bei einem Projekt, mit dem das ehemals ostdeutsche Orchester an dreißig Jahre Deutsche Einheit erinnern möchte. Mehr als zwanzig Konzerte sind geplant in allen sechzehn Bundesländern, ein Abstecher in den großen Musikvereinssaal in Wien wird außerdem dabei sein. Die Schirmherrschaft für die Konzertreihe übernimmt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, auch das hat Marek Janowski eingefädelt.

Das Eröffnungskonzert am 10. Januar findet in Dresden statt, woher auch der Chefdirigent stammt: Wolfgang Hentrich, Konzertmeister der Dresdner Philharmonie. Seit 2013 leitet er die Streicherphilharmonie, die vom Verband deutscher Musikschulen getragen wird. Damals trat er die Nachfolge von Michael Sanderling an, der zehn Jahre lang Chef des Orchesters war. Solche Beständigkeit ist ein Unterschied zum Bundesjugendorchester (BJO), in dessen Schatten die Streicherphilharmonie immer ein wenig zu stehen droht. Dort kennt man keinen Chefdirigenten, das BJO arbeitet mit wechselnden Orchesterleitern.

Die Kontinuität in der künstlerischen Leitung scheint aber für die Qualität des Orchesters eher förderlich zu sein, ebenso die Tatsache, dass man sich häufiger und dann kürzer trifft. Sechs Arbeitsphasen waren es im vergangenen Jahr, beim BJO sind es gewöhnlich nur drei. Hört man sich die jüngst erschienene CD der Streicherphilharmonie an, erschienen beim Leipziger Label Genuin, dann fällt jedenfalls die Kultiviertheit des Spiels auf und die präzise Organisation.

Unter dem Titel "Alma!" spielen die Musikerinnen und Musiker die stimmungsvolle Streicherserenade op. 6 von Josef Suk, dem Schwiegersohn Dvoráks, oder das berühmte "Adagietto" aus der fünften Symphonie von Gustav Mahler mit kammermusikalischem Bewusstsein und bemerkenswerter Sorgfalt in Artikulation und Phrasierung. Ein Vorteil der reinen Streicherbesetzung tritt hier zutage: dass eine detailliertere Arbeit möglich ist, wenn die andere Hälfte eines Symphonieorchesters, die Bläser und das Schlagwerk, wegfällt.

Das weckt auch einen eigenen, berechtigten Stolz. Als Zulieferer für das Bundesjugendorchester möchte man sich nicht verstanden wissen, stellt Wolfgang Hentrich klar, das Angebot der Streicherphilharmonie soll so attraktiv sein, dass die Musikerinnen und Musiker dem Ensemble erhalten bleiben. Dazu gehört auch eine durchlässige Hierarchie: An den ersten Pulten wird nach Möglichkeit durchgewechselt.

Ein leichtes Übergewicht an Musikerinnen und Musikern aus Ostdeutschland besteht nach wie vor, Bayern ist deutlich unterrepräsentiert, auch in solcher Hinsicht stellen sich rasch Traditionen ein. Vielleicht kann die Deutschland-Tour der kommenden Monate helfen, solche Traditionen zu durchbrechen und dem Orchester eine weitere Bekanntheit zu verschaffen. Am 2. Dezember, dem Ende des Jahres, wird Marek Janowski dann das Abschlusskonzert leiten in Köln. Man darf sicher sein, dass die Musiker der Streicherphilharmonie dann mit großem Ernst bei der Sache sein werden.

-CLEMENS HAUSTEIN-

 

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