12.10.2018 | Deutsche Streicherphilharmonie

Publikumserwartungen wurden weit übertroffen

Deutsche Streicherphilharmonie wird im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins bejubelt

„Ich hab noch einen Koffer in Berlin …“ Üblicherweise hätte dieses Geständnis eines ersten Geigers die genervte, rund 75-stimmige Reaktion hervorgerufen: „Du hast nicht wirklich schon wieder was vergessen, Anton (Name natürlich aus Datenschutzgründen von der Redaktion geändert)!“ Doch diesmal war es anders. Wie überhaupt so manches anders war in diesem Sommer, als das jüngste Bundesauswahlorchester gemeinsam rund 4.500 Buskilometer zurücklegte, um von A (Berlin) nach B (Wien) zurück nach A (Berlin) bis hin zum „hohen C“ (Nordjütland) zu gelangen. Mit von langer Hand geplanten Umwegen und Konzerten, die von Publikum, Veranstaltern und Presse einhellig als grandios bezeichnet wurden.

 

Antons Vergesslichkeit wurde ihm also nicht zum Verhängnis, denn nach den Proben zu Tourneebeginn in Berlin führte sein Weg im Laufe der rund dreiwöchigen Konzertreise ein zweites Mal dorthin. Zu diesem Zeitpunkt hatten er und die anderen Orchestermitglieder der Deutschen Streicherphilharmonie dann mit Bravour eine musikalische Premiere gestemmt, die in der 45-jährigen Geschichte des Orchesters einen ganz besonderen Platz einnehmen wird: In einem der meist begehrten Konzertsäle der Welt, dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, beeindruckten die 11- bis 20-jährigen Nachwuchstalente aus Deutschland unter Leitung ihres Chefdirigenten Wolfgang Hentrich mit Werken von Max Bruch (Serenade nach schwedischen Volksmelodien), Frédéric Chopin (Klavierkonzert Nr. 1), Gustav Mahler („Adagietto“ aus der 5. Sinfonie), Grazyna Bacewicz (Konzert für Streichorchester) und Antonio Vivaldi („Sommer“, aus den „Vier Jahreszeiten). Im ausverkauften Saal wurden die hohen Erwartungen des Publikums hör- und sichtbar offensichtlich noch übertroffen: Die Standing Ovations an diesem ganz und gar nicht schwarzen Freitag, dem 13. (Juli), wollten kein Ende nehmen. „Mehr wollte ich doch gar nicht in meinem kleinen Leben“, fasste die gerade einmal 18-jährige Konzertmeisterin Jona die überwältigenden Eindrücke des Abends zusammen, zu denen auch ihre Interpretation des „Sommers“ gehörte, mit der sie Zuhörer und Musiker vollends verzauberte. Schönstes Kompliment an die herausragende Qualität, für die das junge Spitzenensemble der Musikschulen steht und die es in Wien wieder auf den Punkt genau ablieferte, ist wohl die erneute Einladung in den Goldenen Saal für das kommende Jahr. Am 14. Juli 2019 wird dann unter anderem das zweite Klavierkonzert von Chopin auf dem Programm stehen, mit dem die diesjährige so erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Pianistin SoRyang fortgesetzt wird.

 

Nach einem solchen Highlight zur Halbzeit (in der das Orchester bereits bei vier Konzerten in Deutschland, hier erstmalig in der Dresdner Frauenkirche, und Tschechien brillierte), war ein weiterer Höhepunkt eigentlich nicht vorstellbar. Ohne das langjährige Dozententeam des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin wäre ein solcher auch nicht möglich gewesen. De facto aber haben Bodo Przesdzing (1. Violine), Karin Kynast (2. Violine), Claudia Beyer (Viola), Volkmar Weiche (Cello) und Axel Buschmann (Kontrabass) es in den nur wenigen zur Verfügung stehenden Probentagen im Jahresverlauf geschafft, mit den jungen Musikern ein zweites Programm so intensiv vorzubereiten, dass die folgenden Konzerte im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern denselben Gütestempel erhielten. Noch mehr Gewicht als das Urteil der „öffentlichen Meinung“ hatte für die Kollegen und den Streichernachwuchs nach der erneuten Probezeit in Berlin (=Rückkehr zu A) und den beiden Konzerten in Neubrandenburg und Wismar allerdings die Meinung von Gastdirigent und Solistin: Michael Sanderling, bis 2013 Chefdirigent der Deutschen Streicherphilharmonie und seitdem ihr Ehrendirigent, und die Geigenvirtuosin Julia Fischer zeigten sich tief beeindruckt von der anhaltenden und sogar weiter gesteigerten Qualität und Professionalität dieses Auswahlorchesters. Insbesondere das von Andrey Rubtsov für Fischer geschriebene Konzert für Violine und Orchester stellte eine große Herausforderung dar, die die jungen Musiker dank der intensiven Vorbereitung durch die Lehrkräfte an den öffentlichen Musikschulen und der hervorragenden Arbeit mit dem langjährigen Dozententeam der DSP bravourös meisterten. Neben der Serenade nach schwedischen Volksmelodien von Max Bruch, die ja schon im Wiener Gepäck enthalten war, und Franz Schuberts Rondo A-Dur stand für die Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern mit der Kammersymphonie op. 110a von Dmitri Schostakowitsch ein Schlussstück auf dem Programm, das Publikum wie Musiker gleichermaßen zutiefst berührte. Im Anschluss daran noch eine Zugabe zu spielen und zu hören, ist eine Herausforderung besonderer Art – kaum einfühlsamer zu lösen als mit Edward Elgars „Nimrod“, wie hier geschehen.

 

Mit einem großen Ehemaligentreffen, bei dem sogar Mitglieder aus den Orchesteranfängen in den 1970er-Jahren gekommen waren, und einem Gastspiel beim renommierten dänischen Festival Vendsyssel (dann wieder unter Leitung von Chefdirigent Wolfgang Hentrich) ging wenige Tage später eine erfolg- und erlebnisreiche Sommertournee der Deutschen Streicherphilharmonie zu Ende. Anton hat übrigens seinen Koffer nicht mehr vergessen.

 

Brigitte Baldes

 

veröffentlicht in der neuen musikzeitung (nmz) Oktober 2018


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